DER BAUM
DER BAUM
Ein irres Schauspiel
Anderthalb Jahre lang ist der Drehbuchautor und Regisseur Jörg Adolph dem Förster gefolgt. Wir sehen Wohlleben, wie er internationalen Besuchergruppen das Wachstum der Bäume erklärt, wie er in Polen seine Bücher signiert, wie er bei einer Demo gegen die Abholzung des Hambacher Forsts spricht und wie er Kindern erklärt, warum es den Tieren keine Angst macht, wenn sie im Wald laut schreien. Dazwischengeschnitten sind Aufnahmen des Naturfilmers Jan Haft, die der Dokumentation einen großen Frieden verleihen. Es ist ein seltsamer Effekt, dass eine Zeitrafferaufnahme von Farnen, wie sie wachsen und ihre Triebe ausrollen, wie eine meditative Zeitlupe wirkt.
Weil jeder Film einen Antagonisten braucht, findet sich auch hier einer: der Harvester, der wie ein kleiner Bagger in den Wald walzt, Bäume in Sekundenschnelle umsägt und gleichzeitig mit seinem Greifarm festhält, daraufhin die Äste rundherum absägt und den Stamm verladefertig portioniert. Es ist ein irres Schauspiel, ihm dabei zuzusehen, eine Hochleistungsschau des Ingenieurwesens. Aber das Gerät ist schwer, seine Reifen verdichten die Erde, die anschließend bis in mehrere Meter Tiefe kein Wasser mehr aufnehmen kann. Wo ein solcher Harvester herumgefahren ist, können die Pflanzen, die danach noch stehen, also einfach verdursten.
In Wohllebens Wald dagegen werden Bäume mit der Axt gefällt und dann von einem Pferd weggezogen. Das Gut-Böse-Schema bietet sich also an, aber Wohlleben selbst geht nicht darauf ein. Er unterscheidet einfach nur zwischen Wald und Plantage: Monokulturen, bei denen die Bäume gleich alt sind, seien nun mal kein richtiger Wald. Man könnte hinzufügen: Was bringt einem ein Wald, ob richtig oder nicht, wenn die schnell in die Höhe geschossenen Bäume schließlich abgeholzt werden und nur ein Acker zurückbleibt? Die Deutschen lieben ihre Wälder, aber nicht um deren Effizienz willen.
Wir sehen Peter Wohlleben, wie er über all diese Dinge bei einem Diavortrag spricht, und es wird unübersehbar: Eigentlich ist dieser ganze Film wie ein sechsundneunzig Minuten langer, sehr schön anzusehender Diavortrag. Machart und Motive sind von einer so wunderbaren Piefigkeit, dass man diese Dokumentation als kulturelle Schulung für Expats in Deutschland einsetzen könnte.
Da werden unironisch Kapitelnamen aus dem Buch abgefilmt, um den Film inhaltlich zu unterteilen. Der Förster trinkt aus einer Tasse mit Blumenranken und Goldrand, auf der „Peter“ steht. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Montblanc-Füller, eine Insignie der Wohlhabenden, aber im geöffneten Futteral und scheinbar unbenutzt, warum den guten Füller benutzen, wenn man überall Kugelschreiber geschenkt bekommt? Neben der Haustür steht ein Reisstrohbesen. Den einzigen kleinen Stilbruch stellt es dar, dass wir Peter Wohlleben in der Badewanne liegen sehen, etwas zu sehr aus der Nähe gefilmt, um nicht zudringlich zu wirken, aber auch das ist ja irgendwie sehr deutsch, dass ein Teil der Bevölkerung sich nackt an den See legt und der andere Teil verzweifelt wegguckt.

Süper olmuş elinize sağlık
YanıtlaSil
YanıtlaSilz
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